Die Lebenshaltungskosten schnellen weltweit in die Höhe, aber eine Siedlung in Süddeutschland bleibt eine bemerkenswerte Ausnahme. In der Augsburger Fuggerei, der ältesten noch bestehenden Sozialsiedlung der Welt, wurde die Miete seit über 500 Jahren nicht erhöht. Die 1521 von einem wohlhabenden Kaufmann gegründete Gemeinde sollte bedürftigen Menschen ein würdevolles Zuhause bieten. Bis heute zahlen die Bewohner eine symbolische Jahresmiete von nur 88 Cent.
Erfahren Sie hier mehr über die faszinierende Geschichte der Fuggerei – und das Leben ihrer Bewohner damals und heute.
Adaptiert von Laura Puttkamer
Die Fuggerei befindet sich mitten im bayerischen Augsburg und besteht aus 67 Häusern mit insgesamt 142 Wohnungen, die sich mit ihren terrakottafarbenen Dächern und ockerfarbenen Hauswänden schon optisch von der Umgebung absetzen. Eine Mauer grenzt die 1,5 Hektar große Siedlung, zu der auch eine Kirche gehört, zur Nachbarschaft ab und sorgt zugleich dafür, dass die historische Enklave unter sich bleibt.
Als die Siedlung im Jahr 1521 gegründet wurde, diente sie als Zufluchtsort für Augsburgs ärmste Bewohner. Vieles hat sich seit ihrer Entstehung vor 500 Jahren verändert, aber das Sozialprojekt bietet bis heute 150 Menschen mit geringem Einkommen ein Zuhause.
Die Fuggerei war der Traum des Augsburger Kaufmanns Jakob Fugger, der als einer der erfolgreichsten Finanziers seiner Generation den Beinamen „der Reiche“ trug.
Die Arbeiten an der Siedlung begannen 1516, gefolgt von ihrer offiziellen Gründung fünf Jahre später. In der Stiftungsurkunde erklärte Fugger, dass die Gemeinde ein Zuhause für Augsburgs Bedürftige sein sollte – „für immer und ewig“. Nach Fuggers Tod vollendete sein Neffe Anton Fugger 1525 den Bau.
Die Siedlung wird noch immer von den Fuggerschen Stiftungen und der Familie Fugger geleitet. Geld für ihre Instandhaltung kommt aus den Investitionen der Familie in Forstwirtschaft und Immobilien sowie aus Eintrittsgeldern für die Museen der Stadt.
Diese Postkarte von 1907 zeigt die Hauptstraße der Fuggerei, die der heutigen Straße sehr ähnlich sieht – von den Treppengiebeln bis zu den Fensterläden.
Auch die Zulassungskriterien der Siedlung sind seit über 500 Jahren weitgehend gleichgeblieben. Basierend auf Fuggers Gründungsideologie müssen die Bewohner katholisch sein, mindestens zwei Jahre in Augsburg gelebt haben und einen finanziellen Bedarf nachweisen können.
Bedürftige, die diese Anforderungen erfüllen, können sich um eine Wohnung für die symbolische Jahresmiete von 88 Cent bewerben. Dies entspricht einem Rheinischen Gulden, der ursprünglichen Gebühr, die in den 1520er-Jahren in der historischen Währung des Rheinlands festgelegt wurde. Die Miete wurde nie der Inflation angepasst.
Während die Architektur der Siedlung ihren Ursprüngen treu geblieben ist, mussten große Teile der Fuggerei nach dem Zweiten Weltkrieg wieder aufgebaut werden. Fast 70 Prozent der Siedlung wurden durch Bombenangriffe zerstört – die Verwüstung ist auf diesem Foto von 1945 festgehalten.
Die Fuggersche Stiftung verkaufte Holz aus ihren Wäldern, um den Wiederaufbau der Fuggerei zu finanzieren. Das Erscheinungsbild der Siedlung mag nicht vollständig dasselbe sein wie im 16. Jahrhundert, aber ihr historischer Geist wurde erfolgreich wiederhergestellt. Werfen wir nun einen Blick auf die Fuggerei heute.
Die ummauerte Enklave ist über sieben Tore zugänglich, die in den blau-weißen Streifen der bayerischen Landesflagge gestrichen sind. Es gibt jedoch Einschränkungen, wann man die Siedlung betreten oder verlassen darf. Eine seit über 500 Jahren geltende Regel besagt, dass die Tore zwischen 22 Uhr und 4.30 Uhr geschlossen sein müssen. Während dieser Zeit können Bewohner nur das Ochsengasse-Tor benutzen, müssen aber dem Nachtwächter vor Mitternacht 50 Cent oder nach Mitternacht einen Euro Trinkgeld geben.
Die Nachtwächter sind normalerweise Bürger der Fuggerei. Wie es in den Richtlinien aus dem 16. Jahrhundert festgelegt ist, wird von den Bewohnern erwartet, dass sie gemeinnützige Arbeiten übernehmen. Dazu können auch Tätigkeiten als Gärtner oder Kartenverkäufer für die Führungen und Museen der Stadt gehören.
Dieser Brunnen in der Herrengasse im Zentrum der Fuggerei ist heute ein beliebtes Fotomotiv bei Besuchern. Seit der Gründung der Siedlung steht an dieser Stelle ein Brunnen, ab 1599 zunächst ein Holzbrunnen, der als erste kostenlose Wasserversorgung der Gemeinde diente. 1744 ersetzte man den hölzernen Brunnen durch einen Steinbrunnen und seit 1846 ist das bis heute bestehende, gusseiserne Wasserbecken zu sehen.
1715 wurde ein Brunnenmeister ernannt, um die Wasserversorgung und Rohre sauber und in gutem Zustand zu halten und sich um die Entwässerung der Siedlung zu kümmern.
Die Wohnungen der Fuggerei wurden sorgfältig geplant, um den Bewohnern ein Gefühl der Unabhängigkeit zu geben. Jedes Haus besteht aus einer Wohnung im Erdgeschoss und einer im Obergeschoss. Statt eines gemeinsamen Eingangs hat jede Wohnung ihre eigene Haustür nach draußen. Bei den Erdgeschosswohnungen öffnet sich die Tür in den Wohnungsflur, während die Türen der Obergeschosswohnungen zu einer Treppe nach oben führen.
Dieses Konzept gibt den Bewohnern nicht nur mehr Individualität, sondern hat auch historische Gründe. So war es zu konservativeren Zeiten einfacher, das Kommen und Gehen aus jeder Wohnung zu überwachen.
Im Laufe der Jahrhunderte hat die Fuggerei namhaften Persönlichkeiten Zuflucht geboten. Diese Tafel markiert das Haus von Franz Mozart, dem Urgroßvater des österreichischen Komponisten Wolfgang Amadeus Mozart. Der Maurer zog 1681 mit seiner Familie in die Obergeschosswohnung von Haus 14. Er lebte 13 Jahre in der Fuggerei bis zu seinem Tod 1694.
Rechts auf diesem Foto sieht man eine Steinmarkierung mit gotischen Ziffern, die für die Zahl 14 stehen. Ab 1519 wurden die ältesten Häuser in der Fuggerei auf diese Weise nummeriert.
Die Erdgeschosswohnung in Haus 14 zeigt heute, wie die Bewohner im 16. Jahrhundert gelebt haben könnten. Teile der Wohnung stammen aus dem Jahr 1517, während die Einrichtung auf historischen Aufzeichnungen basiert.
Die Räume werden heute als Museum genutzt, das für die Öffentlichkeit zugänglich ist. Die Wohnung umfasst eine Küche, ein Wohnzimmer und ein Schlafzimmer. Hier ist der Wohnbereich zu sehen, der unter anderem mit einer Holzbank, einem Esstisch und einer Standuhr neben einem Schrank eingerichtet ist. Die Decke wird von freiliegenden Holzbalken geziert.
Im Jahr 1521 hatte die Fuggerei 52 von Familien bewohnte Häuser. Viele davon waren Handwerker, die in ihren Wohnräumen arbeiteten. Ein Sitzbereich wie dieser hätte wahrscheinlich auch als Arbeitsplatz gedient.
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Als zentraler Raum der Wohnung war die Küche strategisch positioniert, um den Rest des Hauses zu wärmen. Ein aus Ziegeln gebauter und mit Feuerholz befeuerter Ofen lieferte Wärme und die Möglichkeit zum Kochen. Wäsche wurde ebenfalls in diesem Raum gewaschen.
Jörg Holzwart gehörte zu den ersten Bewohnern, die 1520 in die Fuggerei zogen. Er war ein Holzfäller, der 1515 nach Augsburg gekommen war. Da er jedoch kein Bürger der Stadt war, unterlag er hohen Steuern. Durch die sehr günstige Unterkunft in der Fuggerei konnte Holzwart genug Geld sparen, um Bürger zu werden.
Laut dem Vertrag zwischen der Familie Fugger und der Stadt Augsburg ist die Fuggerei von Steuern befreit, sofern die Jahresmiete einen Rheinischen Gulden nicht überschreitet – was 1521 dem Wochenlohn eines Handwerkers entsprach.
Diese Nachbildung in der Museumswohnung zeigt eine Schlafkammer aus dem 16. Jahrhundert, mitsamt Kassettendecke aus Holz und Himmelbett, das mit kunstvollen Illustrationen religiöser Ikonen geschmückt ist.
Wohnungen in der Fuggerei haben heute natürlich ganz andere Annehmlichkeiten als im Spätmittelalter, aber die Aufteilung der Häuser ist geblieben. Die Wohnungen variieren in der Größe von 47 bis 65 Quadratmetern. Die Einheiten verfügen inzwischen allerdings standardmäßig über moderne Bäder und Küchen.
Während die Wohnungen im Obergeschoss über einen Dachboden verfügen, haben die Wohnungen im Parterre einen privaten Garten oder Hinterhof – ein Vorteil, der sie besonders beliebt macht.
In der frühen Geschichte der Siedlung errichteten Mieter oft Werkstätten in diesem zusätzlichen Außenbereich, um ihr Einkommen zu unterstützen. Einige Höfe beherbergten auch Ställe und Schuppen für Kleinvieh sowie Brennholzlager. Wer das Glück hatte, einen Garten zu haben, nutzte ihn, um Obst und Gemüse für den eigenen Konsum anzubauen und so die Familie zu ernähren.
Die Gassen der Fuggerei sind voller historischer Besonderheiten, die dem modernen Betrachter nicht sofort einleuchten mögen. Eine besonders ungewöhnliche Vorrichtung ist der Klingelzug, der vor jeder Haustür zu finden und individuell geschmiedet ist.
Die Klingelzüge, von denen die meisten noch heute funktionieren, stammen aus einer Zeit, als es nachts noch keine Straßenbeleuchtung gab. Die verschiedenen Griffe sollten den Menschen helfen, nach Einbruch der Dunkelheit den Weg nach Hause zu finden. Sie tasteten sich einfach die Gasse entlang, bis sie den Klingelzug fanden, der zu ihrer Wohnung gehörte.
Mit der Installation von neun Gaslaternen in der Fuggerei im Jahr 1864 waren die Klingelzüge zur nächtlichen Navigation nicht mehr nötig. Die Straßenbeleuchtung der Siedlung wurde 1976 elektrifiziert. Allerdings wurden sechs der Laternen aus dem 19. Jahrhundert an die städtische Gasversorgung angeschlossen, wodurch diese traditionelle Methode der Beleuchtung erhalten blieb. Die Gaslaternen der Fuggerei sind die letzten, die in Augsburg noch in Betrieb sind.
Auf diesem Foto ist neben der Straßenlaterne eine Nische mit einer Heiligenstatue zu sehen. In der gesamten Siedlung gibt es insgesamt 17 Schutzheilige und Madonnen, die in Wohnfassaden integriert sind und die Bewohner schützen sollen.
Die Siedlung hat sich im Laufe der Zeit verändert und an die Bedürfnisse ihrer Bewohner angepasst. So wurde im 16. Jahrhundert ein Krankenhaus in einem der Häuser eingerichtet und Mitte des 17. Jahrhunderts wurde eine katholische Schule gegründet. Beide existieren heute nicht mehr.
Aber einige Ergänzungen haben die Zeit überdauert, wie etwa die St.-Markus-Kirche. Das schlichte Gebäude wurde zwischen 1580 und 1582 errichtet, nachdem die örtliche katholische Kirche während der Reformation protestantisch geworden war – eine Zeit, in der Katholiken Verfolgung ausgesetzt waren.
Bei Bombenangriffen im Jahr 1944 wurde die Kirche schwer beschädigt, ab1950 größtenteils aber wieder aufgebaut. Religiöse und architektonische Elemente aus der Umgebung wurden wiederverwendet, wie das Kruzifix-Altarbild, das aus dem Jahr 1595 stammt. Von der Kassettendecke aus dem 16. Jahrhundert mit ihrer hölzernen Marketerie wird angenommen, dass sie aus dem Fuggerhaus in der Nähe der St.-Anna-Kirche in Augsburg stammt.
Der Gottesdienst ist seit der Gründung der Siedlung ein zentraler Bestandteil des Alltags in der Fuggerei. In den ursprünglichen Regeln der Siedlung ist festgelegt, dass die Bewohner dreimal am Tag für Jakob Fugger und die Familie Fugger beten müssen – eine Tradition, die heute noch beachtet wird.
Hier zu sehen ist das Gebäude des Fürstlich und Gräflichen Fuggerschen Familienseniorats, das sich an den Haupttoren der Siedlung befindet. Es wurde im Zweiten Weltkrieg bei Bombenangriffen beschädigt und 1950 wiederaufgebaut. Wie bei der St.-Markus-Kirche wurden auch hier Objekte aus zerstörten Augsburger Gebäuden eingebaut. Zum Beispiel wurde dieser prächtige doppelstöckige Erker aus der Umgebung gerettet und in das Gebäude integriert.
Heute wird das Obergeschoss des Gebäudes von der ehrenamtlichen, unabhängigen Leitung der neun großen Fuggerschen Stiftungen genutzt. Im Erdgeschoss gibt es auch ein Restaurant, das für Besucher der Fuggerei geöffnet ist.
Der Zweite Weltkrieg war eines der schwierigsten Kapitel in der Geschichte der Fuggerei. Während dieser Zeit baute die Familie Fugger einen Bunker, um die Bewohner der Fuggerei bei Bedarf in Sicherheit zu bringen. Der Luftschutzbunker wurde Ende 1943 fertiggestellt, und sein unscheinbarer schuppenartiger Eingang ist hier abgebildet.
Monate nach seiner Fertigstellung kam der Bunker in der Nacht des 25. Februar 1944 zum Einsatz, als ein Bombenangriff das Gebiet traf. Rund 200 Bewohner der Fuggerei suchten in der unterirdischen Anlage Schutz. Bei dem Angriff kamen in Augsburg 730 Menschen ums Leben.
Heute wohnen viele unterschiedliche Menschen in der Fuggerei, von Rentnern mit geringem Einkommen über Familien und junge Menschen, die sich auf dem angespannten Wohnungsmarkt nicht behaupten können.
Martha Jesse, hier 2025 vor ihrer Haustür fotografiert, lebt seit 17 Jahren in der Siedlung. Als sie nach 45 Jahren Arbeit in den Ruhestand ging, hatte sie Schwierigkeiten, von 400 Euro Rente im Monat zu leben, sagte die heute 77-Jährige der Nachrichtenagentur AFP. Für sie sei es fast unmöglich gewesen, anderswo zu leben, also bewarb sie sich für das Sozialwohnungsprogramm.
Jesses kleine Erdgeschosswohnung hat einen ähnlichen Grundriss wie die ursprünglichen Unterkünfte aus dem 16. Jahrhundert, ist aber modern eingerichtet. Das Wohnzimmer verfügt über ein orangefarbenes Ecksofa und einen bunten Patchwork-Teppich, und der Flur bietet Platz für Kleiderständer und Schuhschrank.
Der Umzug in die Fuggerei habe ihr finanzielle Freiheiten gegeben, sagte Jesse dem österreichischen ORF Topos. Mit dem Geld, das sie an Miete spare, können sie „auch mal wieder mit den Enkelkindern ins Kino gehen“ und mit den Nachbarn in den Urlaub fahren.
In Jesses Zuhause ist vor allem religiöse Ikonografie an den Wänden zu finden, doch im Flur erinnert ein prominentes Porträt an Stifter Jakob Fugger. Der Gründer der Siedlung ist auch als Bronzebüste auf einem der Plätze im Herzen der Fuggerei verewigt.
Die Wohnungen der Fuggerei sind bis heute sehr begehrt. Die Warteliste ist lang: Für eine Erdgeschosswohnung wie die von Jesse sind Wartezeiten von fünf bis sieben Jahren zu erwarten.
Die Frage, wie bezahlbarer Wohnraum für Bedürftige bereitgestellt werden kann, ist heute wohl aktueller denn je. Die Fuggerei stellt einen Lösungsansatz dar, der seit über 500 Jahren funktioniert und Länder auf der ganzen Welt inspiriert. So werden derzeit etwa Studien für ähnliche Initiativen in Litauen und Sierra Leone durchgeführt.
Pläne, die alten Regeln der Fuggerei, einschließlich ihrer 88-Cent-Jahresmiete, zu ändern, gibt es keine. Laut Alexander Erbgraf Fugger-Babenhausen, Nachkomme von Jakob Fugger, würde eine Mieterhöhung den Kernzweck der Siedlung zunichtemachen.
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